Kultur „Barrierefreiheit“ - Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm der Kunsthalle Osnabrück

„Barrierefreiheit“ – Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm der Kunsthalle Osnabrück

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Die Kunsthalle Osnabrück startet am kommenden Samstag, 26. Juni, ihr neues Jahresprogramm „Barrierefreiheit“ und lädt dazu zwischen 15 und 20 Uhr herzlich ein. Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es keine Eröffnungsrede. Einlass ist jederzeit ohne Anmeldung möglich. Es ist nur eine begrenzte Personenanzahl in den Räumen zugelassen.

Wir leben in einer Gesellschaft der Vielfalt und gleichzeitigen Ausgrenzung. Nicht alle Menschen haben gleichberechtigt Zugang zu Wohnraum, Bildung oder Sichtbarkeit. Normierungen lassen selten sich unterscheidende Bedürfnisse und Wahrnehmungen zu – auch in Kunsthäusern herrschen oft einschränkende Verhaltensregeln, exkludierende Vereinheitlichungen und eine einseitige Teilhabe. Aber kann es eine Gesellschaft ohne Barrieren geben? In der Architektur bezeichnet die Barrierefreiheit den selbstständigen Zugang und die Nutzbarkeit von Gebäuden. Es ist die Wahlfreiheit, die den Unterschied macht zu abgeschlossenen Räumen, Prozessen oder Inhalten.

Bedeutung der Barrierefreiheit reflektieren

Einst war der Innenhof der Kunsthalle Osnabrück ein öffentlicher Platz in der Stadt. Mit dem Umbau in den 1970er Jahren wurde der Zugang geschlossen und durch einen gläsernen Neubau ergänzt. Ausgehend von der eigenen Geschichte möchte sich die Kunsthalle Osnabrück mit den Ein- und Ausschlussmechanismen in der Gesellschaft und in der Kunst beschäftigen. Barrierefreiheit soll aus seinem in der Öffentlichkeit sehr bürokratisch wahrgenommenen Charakter herausgelöst werden, um Bedeutung und Relevanz des Begriffs im Kontext der Kulturproduktion und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als grundsätzlichen Begriff der Antidiskriminierung im Verhältnis von Ableismus, Klassismus, Sexismus und Rassismus zu reflektieren. Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, Kulturproduzenten oder Aktivisten arbeiten schon lange daran, neue Räume gleichberechtigter Gemeinschaft zu kreieren. Die Kunsthalle Osnabrück hat die Chance, von deren Auseinandersetzungen zu lernen, um neue und komplexe Perspektiven in den eigenen Strukturen zuzulassen.

Kunst auf der Baustelle

Das Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm „Barrierefreiheit“, das vom 26. Juni bis 27. Februar stattfindet, umfasst Ausstellungen in der Kunsthalle Osnabrück sowie im Osnabrücker Stadtraum, ein forschungsorientiertes digitales und analoges Vermittlungsprogramm und eine Publikation mit Textbeiträgen von Lydia Lierke und Ariana Savoji, Natasha A. Kelly, Katharina Klappheck sowie von Katrin Dinges und Stefanie Wiens von der Initiative „Platz da!“. Die Forschungsergebnisse des Vermittlungsprogramms und der im Herbst stattfindenden Fachkonferenz der Kunstvermittlung münden in ein praxisorientiertes Handbuch für zukünftige Kunst- und Kulturvermittlung. Bis Oktober 2021 wird zudem die Kirche der Kunsthalle renoviert. Diesen Moment der Baustellen-Barriere nutzt die Kunsthalle mit einer Einladung an die Wissenschaftlerin, Kuratorin und Künstlerin Natasha A Kelly, die zusammen mit Hannah Marc, einen künstlerischen Beitrag für das Gerüst entwickelt hat.

Ausstellungsprogramm:

Sabrina Röthlisberger, Sabbatum Fever (Einzelausstellung)

26.06. – 03.10.2021

Sabrina Röthlisberger thematisiert in ihren Videos, Performances, Installationen und Texten die Verbindungen zwischen Medizin, Tod, Heilung und Überleben, sowie Bildung und Macht. Dafür verwendet sie kunsthistorische Referenzen, Alltagsdesign und popkulturelle Bezüge, die sie mit Anspielungen auf ihre eigene Krankheitsgeschichte und kulturelle Identität verbindet. In Osnabrück ist sie insbesondere am Thema der Hexenverfolgung und deren Konnotation für den heutigen Umgang mit alternativen Wissens- und Wesensformen interessiert. Die Ausstellung der Künstlerin Sabrina Röthlisberger wird gemeinsam mit der Shedhalle Zürich konzipiert und zeitgleich an beiden Orten zu sehen sein. Hierbei wird aber nicht auf Vollständigkeit gesetzt werden, vielmehr steht das Unvollkommene als künstlerisches Potential im Zentrum. Die Künstlerin wird eine Installation realisieren, die auf beide Orte aufgeteilt niemals in Gänze zu sehen sein wird.

Sabrina Röthlisberger, privates Selfie, 2019, Retuschiert von Kimberly Coussée für Sabrina Röthlisbergers Buch Le sang, 2020 / Foto: Sabrina Röthlisberger

Alison O’Daniel, I Felt People Dancing (Einzelausstellung)

26.06. – 03.10.2021

Alison O’Daniel verbindet Film, Skulptur und Klang zu raumgreifenden Installationen. Selbst hörbeeinträchtigt, arbeitet die Künstlerin mit hörenden, gehörlosen und schwer hörenden Komponisen, Performern, und Musikern für ihre Produktionen zusammen. Der Verlust von Informationen und die Lücken die durch eine unterbrochene Hörerfahrung entstehen, versteht Alison als einen transzendenten Spielraum, den sie nutzt, um ein alternatives Wahrnehmungsvokabular zu entwickeln, das aus visuellen, akustischen und haptischen Komponenten aufgebaut ist. Für ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland wird Alison O’Daniel eine neue Installation für die Kirche der Kunsthalle entwickeln, die von den akustischen Besonderheiten vor Ort inspiriert sein wird: vom richtigen Punkt ausgesprochen, kann man weit in den Raum hinein verstanden und klar gehört werden, an anderen Stellen jedoch ist der Raumklang so reich an Nachhall, dass man sich schon in wenigen Metern Abstand nicht mehr verstehen kann.

The Tuba Thieves, seit 2013 fortlaufend, Drehbuch, Regie, Schnitt von Alison O’Dani-el, auf der Grundlage der Partituren von Christine Sun Kim, Steve Roden, und Ethan Frederick Greene. In der Hauptrolle Nyke Prince, Produziert von Rachel Nederveld, Cinematographie von Meena Singh und Judy Phu / Foto: Alison O’Daniel:

Slavs and Tatars, Aşbildung, (Projekt im öffentlichen Raum)

26.06. – 03.10.2021, Toros Restaurant, Bohmter Str 13A, 49074 Osnabrück

Die Kunsthalle Osnabrück freut sich, zum Auftakt des Ausstellungs- und Vermittlungsprogramms Barrierefreiheit auch das erste temporäre Großprojekt im öffentlichen Raum präsentieren zu dürfen, das von dem Künstler-Kollektiv Slavs und Tatars spezifisch für die Stadt entwickelt wird. Die ausgedehnten Forschungsphasen der Künstlerinnen und Künstler lassen ein Ökosystem von Installationen, Skulpturen, Vorträgen und Publikationen entstehen, die unser Verständnis von Sprache, Ritual und Identität in Frage stellen. Durchdrungen von Humor und einer Großzügigkeit des Geistes, vermischen sich in ihren Arbeiten häufig visuelle Strategien aus der Popkultur mit esoterischen Traditionen, mündliche Rituale mit wissenschaftlicher Analyse auf eine Art und Weise, die neue Wege für einen zeitgenössischen Diskurs eröffnet. Slavs and Tatars sind eingeladen, ihre eigenen Forschungsinhalte zu der Geschichte und Gegenwart der Stadt Osnabrück in Bezug zu setzen und weiterzuentwickeln.

Slavs and Tatars, Dresdener Gitter, 2018, Edelstahl, Kunstleder, Schaumstoff, 129 × 211 × 128 cm. Installationsansicht Albertinum, Dresden, / Foto: Klemens Renner

Filmraum, We Cannot Skip This Part

Filmprogramm der Kuratorin Yolande Zola Zoli van der Heide: 26.06 – 03.10.2021
Filmprogramm der Kuratorin Inga Zimprich: 06.11.2021 – 27.02.2022

Über acht Monate wird der Neubau der Kunsthalle in einen multisensorischen Filmraum umgebaut werden. Der Filmraum wurde entwickelt von die Blaue Distanz im Dialog mit dem Vorstand des Behindertenforums Osnabrück, Yolande Zola Zoli van der Heide und Inga Zimprich. In ihm sollen anhand des Kinos Fragen nach barrierefreiem Ausstellen und verschiedenen Bedürfnissen individueller Wahrnehmung im Kontext gemeinschaftlichen Erlebens neu erprobt werden. Neben geltenden Standards baulicher Vorgaben zur Barrierefreiheit wird der Raum bisher weniger beachtete Möglichkeiten unterschiedlicher physischer Erfahrungen auf auditiver, visueller oder taktiler Ebene künstlerisch kommentiert zusammenbringen. Während der Ausstellungslaufzeit werden zwei sich abwechselnde Filmprogramme mit verschiedenen Videoarbeiten zum Thema intersektionale Diskriminierung gezeigt, die von den Gastkuratorinnen Inga Zimprich (Feministische Gesundheitsrecherchegruppe, DE) und Yolande Zola Zoli van der Heide (Van Abbemuseum Eindhoven, NL) zusammengestellt werden.

die Blaue Distanz, The closer I come the further I go, space design und space Konzep-tion für DGTL FMNSM #2 – Intimacy, 201 / Foto: Claudia Dumke

Ausblick:

Katrin Mayer, Flurfunker:innen (Einzelausstellung)

06.11.2021 – 27.02.2022

Für Katrin Mayers ortsbezogenen Werke widmet sie sich stets den lokalen Geschichten, um anhand von Architektur, Interieurs oder Texturen die Historizität eines Ortes in der Gegenwart zu reflektieren und zu hinterfragen. Es entstehen inhaltliche Verknüpfungen, welche die Lesarten der jeweiligen Orte kritisch kommentieren und für neue Vorstellungen einer alternativen Geschichtsschreibung öffnen. Für die Kunsthalle Osnabrück wird sie einen Parcours entwickeln, der im Hof und dem umliegenden Gang der Kunsthalle Fragen nach den Barrieren von (Kunst-)Institutionen aufzeigt und damit Raum bietet, Notwendigkeiten der Zugänglichkeit und Teilhabe im Kontext der Kunsthalle gemeinsam neu zu verhandeln.

Katrin Mayer, SOCIAL FABRICS, Eine Vereinskollektion für den Kunstverein Leipzig, 2020 / Foto: Caspar Saenger

Candice Lin, The Glittering Cloud, (Einzelausstellung)

06.11.2021 – 27.02.2022

Oftmals schließen Candice Lins komplexen Installationen organische Materie oder Prozesse wie Bakterien, Schimmel, Fermentierung oder Verwesung mit ein. Die entstehenden skulpturalen Raumbilder, die Lin stets ortsbezogen entwickelt, beschäftigen sich mit den kolonialgeschichtlichen Kontexten von heute, insbesondere von global vertriebenen Waren wie Gewürze, Rohstoffe oder Drogen, die sich erst durch Sklaverei, Ausbeutung und Protektionismus weltweit etablieren konnten. Die ungleichen Machtverhältnisse, die an globaler Vernetzung und patriarchalen Strukturen geknüpft sind und wie diese sich auf unsere Körperbilder auswirken sind immer wieder Themen ihrer Arbeiten. Anlässlich des Ausstellungs- und Vermittlungsprogramms „Barrierefreiheit“ wird sie für die Kirche der Kunsthalle eine neue Installation konzipieren.

Aufgrund der Corona-Pandemie sind alle Informationen unter Vorbehalt – Änderungen auf der Website der Kunsthalle Osnabrück.



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