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250 Jahre Zeitungen, Journalismus und Medien in Osnabrück – Teil 3

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Jedes Land muß billig dergleichen haben…

Am 04. Oktober 1766 war es endlich soweit: die erste Zeitung aus Osnabrück und für die Osnabrücker Bevölkerung wurde herausgegeben. Und zwar von niemand geringerem als Justus Möser, damals Kriminaljustizrat im Fürstbistum Osnabrück und leidenschaftlicher Autor von Berichten zur politischen und kulturellen Situation in seiner Heimatstadt. Das muß gefeiert werden!
Immerhin ist Justus Möser auch heute noch für uns als Kommentator zu wichtigen Themen rund um Osnabrück und den Rest der Welt tätig (zumindest im Geiste).

Im Jubiläumsjahr wird die HASEPOST einmal im Monat eine kurze Übersicht über die historische Entwicklung von Zeitungen, Journalismus und Medien im Großraum Osnabrück geben. Und wir werden am Ende des Jahres versuchen, in die Zukunft zu schauen und die weitere Entwicklung der Osnabrücker Medienlandschaft zu prognostizieren. 

Teil 3: Restauration, Biedermeier und Vormärz

1815 beginnt mit dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Deutschland und Europa die Zeit der so genannten „Restauration“. Kennzeichnend für diese Epoche ist die Betonung der äußeren Sicherheit und die innenpolitische Unterdrückung aller aufkommenden Ideen des Liberalismus, des Nationalismus und der Demokratie. Die deutschen Patrioten und liberalen Reformer mußten erleben, wie ihre Hoffnungen auf politische Verbesserungen auf dem Wiener Kongress und noch brutaler durch die sogenannten Karlsbader Beschlüsse von 1819 (Verbot der Burschenschaften, Verfolgung von „Demagogen“, Pressezensur) zunichte gemacht wurden. Es gab jedoch erstaunlich wenig Auflehnung gegen diese Entwicklung. Der Hauptgrund für die politische Ruhe in Deutschland nach 1815 lag wohl darin, daß die Behörden und die große Mehrheit der Bevölkerung die Stabilität und Sicherheit begrüßten, die durch die Rückkehr zur Vorkriegsordnung erreicht wurden. Das Leben in Preußen, Bayern, Baden und Sachsen war vor den napoleonischen Kriegen viele Jahre lang im Großen und Ganzen friedlich verlaufen. Die Kriege, die sich mit Unterbrechungen von 1792 bis 1815 hinzogen, die tief greifenden Umwälzungen, die sie einem nicht an Veränderung gewöhnten Volk aufzwangen sowie die endgültige Zerstörung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation brachten dagegen keinerlei erkennbaren Gewinn für das einfache Volk mit sich. Schließlich setzte sich die Meinung durch, daß die Französische Revolution die Massen dazu aufgestachelt hatte, nach Dingen zu greifen, die ihnen nicht zustanden. Die französische Nation hatte in maßlosem Ehrgeiz Unruhe und Krieg über Europa gebracht und beinahe die gesamte gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf gestellt. Die Mehrheit der Deutschen wußte aber, daß ihr Land aufgrund seiner Lage in der Mitte Europas und seiner Uneinigkeit besonders schwer unter allen Störungen der europäischen Ordnung zu leiden hatte. Deshalb waren die Deutschen nicht sonderlich unzufrieden mit dem Ergebnis des Wiener Kongresses und protestierten nicht dagegen, daß die Schlussakte keine Bestimmungen über die Sicherung individueller Freiheiten und Rechte enthielt. Die harten Maßnahmen, zu denen die staatlichen Behörden griffen, um die wiederhergestellte Ordnung dauerhaft zu sichern, gaben dem Bürger das beruhigende Gefühl, in einer festen Ordnung zu leben. Sowohl Preußen als auch Bayern, die beide später nach der Vorherrschaft in Deutschland streben sollten, begrüßten es, daß Österreich ab 1815 seine alte Vormachtstellung in Deutschland wieder einnahm. Das schien ein Unterpfand für Frieden in der Gegenwart und Sicherheit in der Zukunft zu sein. Die unterschiedliche künstlerische Reaktion auf diese gesellschaftspolitischen Entwicklungen trennte die konservative Strömung des „Biedermeier“ von der liberalen des „Jungen Deutschland“ bzw. der radikaldemokratischen des literarischen „Vormärz“. Die meisten deutschen Schriftsteller zwischen 1820 und 1848 teilten die eher konservative Beurteilung der politischen Lage. Sie standen meist dem Liberalismus wesentlich kritischer gegenüber als dem fürsorglichen Absolutismus ihrer Herrscher und den rabiaten Methoden des Metternich-Regimes, die durchaus mit einem Polizeistaat verglichen werden können. Sie bedauerten das in ihren Augen radikale politische Engagement von jüngeren Zeitgenossen und standen neuen Ideen mit Mißtrauen gegenüber. Denn dahinter witterten sie umstürzlerische Bestrebungen. Und die wollte nach den schlimmen Erfahrungen mit Napoleon Bonaparte keiner mehr haben.

Die Bezeichnung „Biedermeier“ geht auf die deutschen Schriftsteller Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul zurück. Sie erfanden für die Münchener „Fliegenden Blätter“ die Figur des schwäbischen Dorfschullehrers Gottlieb Biedermaier. Das war ein Mensch, dem nach ihrer Charakterisierung „seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen“. Während Eichrodt und Kußmaul mit dieser Figur und dessen Freund Horatius Treuherz eine Parodie auf das Spießertum abliefern wollten, begann man gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das Biedermeier mit der „guten, alten Zeit“ gleichzusetzen und verwendete diesen Begriff als Synonym für Behaglichkeit, Häuslichkeit, Geselligkeit in Familie und Freundeskreis, für den politischen und geistigen Rückzug ins Private. Ab 1906 wurde der Begriff für Mode und Möbel aus der Zeit zwischen 1815 und 1848 verwendet, dann auch für einen Malstil.

250 Jahre Presse Osnabrück

Die Einstellung, von der die Literatur und das geistige Leben bis ungefähr 1840 gekennzeichnet wurden, hieß Anpassung an die Wirklichkeit: man fügte sich ohne groß aufzubegehren in eine unvollkommene Welt. Die politischen Enttäuschungen, die die Literaten des Biedermeier in ihrer Jugend erlebt hatten (Napoleon, Wiener Kongreß) erzeugten in ihnen ein allgemeines Mißtrauen gegen die große Politik. Sie hatten daher die Tendenz, sich nach den Befreiungskriegen in ihre engsten privaten Beziehungen und in ein gemütliches Zuhause abzukapseln. Ihre Welt, die sie auch in ihren Werken darstellten, war gekennzeichnet durch eine konservative Grundhaltung, durch Selbstgenügsamkeit und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst willen und nicht eines materiellen Vorteils wegen getan wurde.

Das liberale Bürgertum und die Studentenschaft reagierten anders als die Mehrheit des Volkes auf die politischen Verhältnisse der Restaurationszeit. Während sich auf der einen Seite Wirtschaft, Technik und Industrie rasant weiterentwickelten, blieben das Bürgertum und das sich langsam entwickelnde Proletariat von der Möglichkeit politischer Gestaltung ausgeschlossen. Soziale Not und Unzufriedenheit stiegen im Laufe der Zeit immer weiter an; es kam vereinzelt zu Aufständen bzw. politischen Aktionen (Hambacher Fest 1832) und schließlich als mittelbare Folge der französischen Julirevolution von 1830 zur Märzrevolution von 1848. Die führte in den Hauptstädten fast aller deutschen Bundesstaaten zu Reformen und liberalen Verfassungen und schließlich zur Wahl der Frankfurter Nationalversammlung. In Wien kam es zum Sturz Metternichs. Mit dem Begriff „Vormärz“ verbindet man deshalb fortschrittliche Tendenzen ab dem Jahr 1815 und eine Literatur mit liberalen, später sozialpolitischen, teilweise radikaldemokratisch-kommunistischen Zielen. Die politischen Auseinandersetzungen jener Zeit spiegelten sich auch in der Literatur wieder und hatten schließlich enorme Auswirkungen auf die Entwicklung des Pressewesens in Deutschland.

Schon 1817 erließ König Wilhelm von Württemberg eine Verfassung, die die Pressefreiheit garantierte. Allerdings mußte diese Garantie schon nach kurzer Zeit auf Drängen der konservativen Großmächte zurückgenommen werden. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819, federführend von Metternich entworfen, setzten erstmals für alle deutschen Staaten eine strenge Zensur nach einheitlichen Grundsätzen durch. In der Folgezeit stand das Verlangen nach Freiheit der Presse immer an der Spitze aller politischen Forderungen, aber bis 1848 wurden alle Bestrebungen in diese Richtung erfolgreich unterdrückt. Zwar erwirkte die Badische Zweite Kammer 1831 ein „Gesetz über die Freiheit der Presse“, das wurde allerdings schon 1832 als Reaktion auf das Hambacher Fest wieder aufgehoben. Als Gründungsjahr der freien Presse in Deutschland muß deshalb das Jahr 1848 gesehen werden. Zeitgleich mit der ersten deutschen Revolution ging die Verkündigung der Pressefreiheit einher sowie die Abschaffung der Vorzensur als behördliche Instanz in allen deutschen Staaten. Aus den politischen Grundrichtungen der Liberalen, Konservativen und Radikaldemokraten enwickelten sich erstmals politische Parteien. Diese gründeten eigene Zeitungen, die für Jahrzehnte die deutsche Presselandschaft prägten.

In Osnabrück erschien 1848 eine Tageszeitung unter dem Titel „Osnabrücker Tageblatt“. Sie trug den Untertitel „von und für jedermann“ und wurde nach knapp fünf Jahren eingestellt. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, daß sich 1847 ein Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein) gründete. Initiator war der damalige Bürgermeister Johann Carl Bertram Stüve. Seit 1848 gibt dieser Verein landeskundlich-geschichtliche Darstellungen und Untersuchungen heraus, unter verschiedenen Titeln: „Osnabrücker Mitteilungen“ (das Jahrbuch des Vereins), „Osnabrücker Urkundenbuch“ (bisher sieben Bände), „Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen“ (wissenschaftliche Reihe von zur Zeit 56 Monographien) sowie „Heimatkunde des Osnabrücker Landes in Einzelbeispielen“. Ansonsten lag das Pressewesen in der Zeit des Biedermeier und Vormärz in Osnabrück weitgehend am Boden. Verschiedentlich wurden Bekanntmachungen veröffentlicht, natürlich allesamt streng zensiert. Spezifische Osnabrücker Pressepublikationen , die diesen Namen auch wirklich verdient hätten, liegen aus jener Zeit nicht vor. Schon gar nicht konnte von einer existierenden Presselandschaft die Rede sein, wie es sie fast 20 Jahre lang im letzten Quartal des 18. Jahrhunderts durch den unermüdlichen Einsatz von Justus Möser gegeben hatte. Osnabrück gehörte jetzt zum Königreich Hannover und hatte durch die gewaltigen politischen Umstrukturierungen als Folge der Befreiungskriege viel von seiner Freiheit als eigenständige Stadt und als großes Bistum eingebüßt. Das kulturelle Leben fand im Verborgenen statt, bahnbrechende geistesgeschichtliche Entwicklungen blieben aus. Der schon erwähnte Bürgermeister Stüve konnte durch seine guten politischen Beziehungen zwar einige Erleichterungen für das Bauerntum in und um Osnabrück sowie einen erträglicheren Schuldendienst für die Hasestadt erreichen, gegen die herrschende Zensur war aber auch dieser gemäßigt liberale Politiker machtlos. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Stüve zudem keine Möglichkeit, sein Landtagsmandat in Hannover auszuüben, weil seine politische Gesinnung den herrschenden Verwaltungsbeamten nicht gefiel. So beschränkte er sich auf seine Tätigkeit als Verwaltungsbürgermeister von Osnabrück und entwickelte diverse Schriften, in denen er für Verfassungsreformen warb. Erst im Zuge der Revolution von 1848 konnte er wirksame politische Verbesserungen für seine Heimatstadt erreichen. Bis heute gilt Johann Carl Bertram Stüve neben Justus Möser als einer der bedeutendsten Osnabrücker. Seine Bedeutung umfassend zu würdigen, würde jedoch den Rahmen dieser kleinen Serie sprengen.

Osnabrücks Presselandschaft war also in jenen Jahren zwischen 1815 und 1848 ein Spiegelbild des Biedermeier: nach außen hin unsichtbar und komplett auf das Privatleben beschränkt. Das sollte sich allerdings in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlagartig ändern.

Als Zeitung aus Osnabrück für alle Osnabrücker und solche, die es werden wollen, sieht sich die HASEPOST in der Tradition von Justus Möser. Wir wollen unseren Lesern Journalismus auf hohem Niveau bieten, sind der Wahrheit und Objektivität verpflichtet und begleiten kritisch das aktuelle Geschehen in Osnabrück und der Welt. Und wir sind sehr stolz auf unser großes historisches Vorbild!

Lesen Sie im April Teil 4 unserer Reihe „250 Jahre Zeitungen, Journalismus und Medien in Osnabrück“: Von Revolutionen, Kriegen und dem Einig Vaterland – Osnabrücker Zeitungsgeschichte von 1848 bis 1871.

Hier geht es zu den bislang erschienen Ausgaben dieser Artikelserie.

Redaktion Hasepost
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