Guten Abend,

morgen ist Silvester. Ich weiß nicht recht, ob ich mich auf das kommende Jahr freuen soll oder vielleicht sogar ein bißchen Angst davor haben muß. Wenn die letzten Böller verballert sind und die wunderprächtigen Raketen verglühen und vom Himmel fallen, dann beginnt wieder ganz schnell der Ernst des Lebens. Und das Leben wird uns aller Voraussicht nach auch 2017 keine rechte Atempause gönnen, ganz im Gegenteil. Am 20. Januar erfolgt die Vereidigung von Donald Trump als 45. US-Präsident, kurze Zeit später wählen die Franzosen einen neuen Staatspräsidenten, der eventuell weiblich sein wird und in diesem Falle dann kein ausgewiesener Freund und Befürworter des gegenwärtigen Zustandes der Europäischen Union ist. Ganz zu schweigen von den Wahlen zum deutschen Bundestag im Herbst. Werden wir „Mutti“ Merkels Götterdämmerung erleben oder schafft sie es noch einmal, für weitere vier lange Jahre eine Regierungsmehrheit zusammenzubekommen? Wie auch immer, auf Deutschland kommen schwierige Herausforderungen zu, wobei ich mittlerweile den Eindruck habe, daß die Integration der hier angekommenen Flüchtlinge noch eine der leichtesten ist. Trotz all der Horrormeldungen über Terroranschläge, Terroranschlagsvorbereitungen, Morde, Mordversuche, Vergewaltigungen und Körperverletzungen, die von dieser Bevölkerungsgruppe in den letzten Monaten verübt wurden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß Journalisten immer irgendetwas brauchen, worüber sie schreiben können. Und daß sie dabei auch gerne mal versuchen, ihre Berichte und Kommentare dem Zeitgeist entsprechend zu formulieren und sich in ihrer Themen- und Wortwahl an der vermuteten oder tatsächlich vorhandenen öffentlichen Meinung zu orientieren. Die Medienwissenschaftler sagen „Agenda Setting“ dazu, was nichts anderes bedeutet, als ein beliebiges Thema durch eine forcierte Berichterstattung in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. Nicht umsonst werden die Massenmedien gerne mal als vierte Gewalt im Staate bezeichnet. Und so, wie 2015 im Zeichen einer undifferenzierten Jubelperser-Berichterstattung über die nach Deutschland drängenden Flüchtlingsströme stand, so wurde zumindest in der zweiten Jahreshälfte 2016 hauptsächlich negativ über Flüchtlinge, und, so hatte ich zumindest den Eindruck, auch mit einer gewissen Schadenfreude über die Hilflosigkeit unserer Bundesregierung bei der Bewältigung der Folgen des ungeordneten Zuzugs von vielen hunderttausend Menschen aus aller Herren Länder berichtet. Dabei glaube ich nicht, daß wir vor den Flüchtlingen Angst haben müssen. 99,99 % der Menschen, die in Deutschland um Aufnahme und Asyl gebeten haben, wünschen sich bestimmt ein ebenso friedliches und harmonisches gesellschaftliches Zusammenwirken wie die Menschen, die „immer schon hier gelebt haben“ (Angela Merkel). Und wenn von dem schäbigen Rest einer der schlimmsten so blöd ist, bei der Ausübung eines Terroranschlags seinen Ausweis und sein Handy im Tatwerkzeug liegenzulassen, dann habe ich vor dieser Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens beim besten Willen keine Angst. Angst ist sowieso immer ein ganz schlechter Ratgeber, auch wenn die Angst dem menschlichen Wirken und der menschlichen Seele immanent ist. Das mag beim Autofahren und beim verantwortungsvollen Umgang mit Geld durchaus hilfreich sein, in der Politik hat Angst aber nichts zu suchen. Da muß gemeinsam mit allen wohlmeinenden Kräften nach klugen, vernünftigen, machbaren, langanhaltenden und vor allem dem Volke dienenden und dienlichen Lösungen gesucht werden. Es wäre doch ein schöner Vorsatz für das neue Jahr, wenn die Menschen, die in unserem Land die Verantwortung für politisches Handeln innehaben, sich diese Erkenntnis zu eigen machen. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Osnabrück. Wir braven Bürger lassen uns dann mal überraschen!



Und nun noch ein Wort in eigener Sache: Ich bedanke mich bei allen Lesern von „Mösers Meinung“ für die Aufmerksamkeit, die Sie meinen Betrachtungen zu den vielfältigsten Themen in den vergangenen zwölf Monaten gewidmet haben. Besonders freue ich mich immer über Ihre Kommentar, natürlich sehr über die positiven, aber auch Kritik und Schelte nehme ich gerne zur Kenntnis (wenn sie denn berechtigt ist). Wir sollten sowieso wieder viel mehr miteinander reden, in aller Ernsthaftigkeit, mit allem nötigen Respekt, aber auch durchaus hart und kämpferisch, wenn es dem Erreichen eines gemeinsamen Zieles dient.

Als kleines Dankeschön gebe ich Ihnen noch eine kleine Lektüre mit auf dem Weg, die ich vor knapp 250 Jahren an einem Neujahrstag geschrieben und in meinen „Patriotischen Phantasien“ veröffentlicht habe:

Der Rat einer guten Tante an ihre junge Nièce

Ihr Entschluß ist gefährlich, meine liebe Nièce, bei so jungen Jahren allen Frivolitäten abzusagen. Das einzige, was Sie dadurch gewinnen werden, ist dieses, daß Sie die ganze Gesellschaft in Erstaunen setzen; und, im Vertrauen gesagt, die Erstaunten erholen sich bald von dem ersten heftigen Anfall und lassen es hernach insgemein derjenigen entgelten, die ihnen diesen Paroxysmus verursacht hat. Es ist auch für ein junges Mädgen nicht gut, gar zu sehr in dem Rufe der Weisheit und Tugend zu stehen. Die Welt glaubt doch, sie spiele nur eine Rolle, und das Rollenspielen, wenn es zu früh geschieht, erweckt Nachdenken. Man übertreibt sie insgemein, und nur eine Italienerin von 14 Jahren ist imstande, unter der Maske der kindischen Unschuld ihre von der schlauen Mutter erlernte Kunst auf eine glückliche Art in Übung zu setzen. Die beste Manier für ein junges westfälisches Mädgen ist, sich in dem Rufe eines guten Kindes zu erhalten, sich der Wirtschaft zu befleißigen und der Mode zu folgen, so wie sie der Rangordnung nach an sie kömmt. Diejenige, so hierin zuviel oder zuwenig tut, verfehlt das allgemeine Ziel und verlischt, ehe sie brennet.

Wenn ich Ihnen also als eine gute Tante raten soll: so erniedrigen Sie Ihren Kopfputz vorerst nur um einen Zoll und befleißigen sich der Wirtschaft, ohne jemals davon zu sprechen. Zeigen Sie Ihren Freunden ein offnes Herz; vermeiden Sie allen Hang zu besondern Tugenden und lassen die Weisheit denen, die solche besser verwahren können, als es ein junges Mädgen tun kann. Dies waren die Regeln meines seligen Vaters, wodurch ich eine glückliche Frau geworden bin; anstatt daß verschiedene meiner alten Gespielinnen, die, wie ich versichert bin, mehrern Witz, höhere Tugenden und einen feinern Geschmack hatten und dabei immer sich nach der neuesten Mode kleideten, oft bewundert und nie geliebet wurden.

Ihre wahre natürliche Stärke, mein liebes Kind! ist ein gutes empfindliches Herz; keine Rolle gelingt besser als diejenige, wozu man von Natur aufgelegt ist. Wollen Sie also ja in Ihren Jahren durch einen besondern Vorzug glänzen: so setzen Sie Ihre ganze Kunst darin, daß Sie dieses gute empfindliche Herz einem jeden auf die vorteilhafteste Art zeigen. Sein Sie aufrichtig und spielen die Aufrichtigkeit; diese Komedie gelingt und gefällt leicht, anstatt daß Ihnen ein offenbarer Krieg mit allen Modetorheiten oder eine andre strenge Tugend in Ihren Jahren nur Spott zuziehen wird. Vielleicht denken Sie, daran sei nichts gelegen, und es sei rühmlich, der Tugend ein solches Opfer zu bringen. Allein, glauben Sie mir nur, mein gutes Kind, es ist eine Torheit, der Tugend Spötter zuzuziehen, wenn man ihr durch eine geringe Wendung in der Manier Verehrer erwerben kann.

Dieses sage ich Ihnen am ersten Tage des Jahrs; und Sie können daraus alle meine Wünsche erraten.

Was ich meiner werten Leserschaft damals damit sagen wollte? Bleibt so wie Ihr seid und laßt Euch nicht unterkriegen. Jeder von uns ist einzigartig und das macht uns als Menschen aus. Ich finde, das gilt bis heute!

Ich wünsche allen HASEPOST-Lesern einen guten Rutsch und ein Jahr, an dem es ausnahmsweise mal nichts zu mösern gibt. Das wird schwer. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

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