Guten Abend,

als Hundehalter ist man auch bei diesen eisigen Temperaturen gezwungen, vor die Haustür zu gehen. Meine bevorzugte Wegstrecke für die Gassitour ist die Gegend rund um die Katharinenkirche, an der Gaststätte „Grüner Jäger“ vorbei, dann weiter Richtung Ledenhof. Mein Hund war in den letzten Wochen vom dort vorherrschenden „Eiszauber“ nicht so richtig angetan, die laute Musik und die vielen Leute kannte er in dieser sonst eher ruhigen und beschaulichen Ecke von Osnabrück noch gar nicht. Bis Sonntag wird er sich mit dem ganzen Trubel abfinden müssen, anschließend werden auch dort wieder „geordnete Verhältnisse“ herrschen, ab Montag ist mit dem Ende des „Eiszauber“ die letzte Erinnerung an die Weihnachtszeit verschwunden. Das neue Jahr hat mich aber schon jetzt fest im Griff, es gibt soviel zu bedenken und zu beachten, ich komme kaum noch richtig mit und weiß, um es mit Sokrates zu sagen, daß ich eigentlich nichts weiß. Wie war das nochmal mit der neuen Regelung für Rettungsgassen im Straßenverkehr? Kommt die Autobahnmaut oder bleibt sie doch nur heiße Luft? Bleibt der Neumarkt geöffnet oder können wir uns ab März wieder auf verstopfte Straßen rund um den Wall einstellen? Fragen über Fragen – und die Antwort kennt wahrscheinlich ganz allein der Wind. Was allerdings auch kein wissenschaftlich abgesichertes Faktum ist, sondern womöglich dem postfaktischen Zeitalter zugeordnet werden muss oder sogar eine Fake News darstellt. Ich frage mich oft, ob meine Unsicherheit, ob die vielen Fragen, die ich mir unablässig stelle, ob all die Zweifel und die Skepsis meinem hohen Alter geschuldet sind. Um mich herum finde ich soviel allwissende Menschen, die für jedes Problem immer die passende Lösung parat haben. Ich würde sie gerne einmal fragen, wo der Baum der Weisheit und der Erkenntnis steht, von dessen Früchten sie ja wohl verbotenerweise genascht haben müssen. Wie weiland Adam und Eva, die dann allerdings leider aus dem Paradies vertrieben wurden. Rund um die Katharinenkirche kann sich dieser Baum nicht befinden, da gehe ich, wie schon erwähnt, täglich mit meinem Hund spazieren und hätte längst auf ihn aufmerksam werden müssen. Aber er muß ganz in der Nähe sein, denn wenn ich in die umliegenden Kneipen einkehre und den Gesprächen an der Theke und an den Tischen lausche, dann spüre ich wieder den recht hohen Grad an allumfassenden Weltwissen, der mit steigendem Alkoholkonsum sogar noch zunimmt. Das war für mich immer schon ein weiteres unerklärliches Phänomen, das im Zeitalter der sogenannten sozialen Medien immer weiter und immer schneller um sich greift. Egal, wie komplex so manche Materie auch sein mag, ein jeder scheint darüber Bescheid zu wissen und mitreden zu können. Es gibt Abende, an denen sitze ich gedankenverloren am Tresen und schäme mich ob meiner tiefsitzenden Unwissenheit, die sich immer mehr verstärkt, wenn ich höre, wie einfach doch solche in meinen Augen weltbewegenden Themen wie die Flüchtlingskrise, Donald Trump, Mutti Merkel und Papa Horst, die schlechten Umfragewerte der SPD, das fehlende Abitur von Martin Schulz, Griechenland, Syrien, Frauke Petry und Marcus Pretzell, das Rauchverbot, das Kneipensterben, der FC Bayern München und die viel zu hohen Bierpreise augenscheinlich zusammengehören und ganz leicht zu erklären sind. Ich finde das nicht. Ich habe ganz viele Fragen an Mutti Merkel und Frauke Petry, weniger an Donald Trump, zu dem mir irgendwie der Zugang fehlt. Ich würde gerne wissen, ob irgendjemand in diesem Land oder dem Rest der Welt noch sowas wie Visionen hat, ob sich jemand tatsächlich Gedanken macht, wie unsere Zukunft so gestaltet werden kann, daß diese tiefsitzende Unsicherheit endlich verschwindet, diese lähmende Angst, die die öffentliche Diskussion nicht erst seit der Terrorattacke auf dem Berliner Breitscheidplatz beherrscht. Der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen!“ Er bezog sich mit diesem Bonmot auf seinen Amtsvorgänger Willy Brandt. Dieser hatte reichlich Vorstellungen davon, wie Deutschlands Zukunft zu gestalten sei. Aufgrund seiner relativ kurzen Amtszeit konnte er die meisten davon nicht verwirklichen, aber trotzdem trägt sein Wirken bis heute reichlich Früchte, sei es durch seine Ansage vom „mehr Demokratie wagen“ oder die in der damaligen Zeit durchaus revolutionäre Ostpolitik, die schließlich zu einem einigermaßen friedlichen Ende des Ostblocks führte und Europa enger zusammenrücken ließ. Heute gibt es keine Politiker mehr, die offen von Visionen sprechen. Das harte Wort von der „Realpolitik“ macht seit vielen Jahren die Runde. Ich finde allerdings nicht, daß die Politik durch die konsequente und alternativlose Orientierung an der vermeintlichen Realität auch nur ein Quentchen besser geworden ist. Ganz im Gegenteil, die gegenwärtige Politik läßt bei den Menschen, die von ihr betroffen sind, viel mehr Fragen offen als früher. Das mag daran liegen, daß die Welt immer komplexer wird und es uns mittlerweile möglich ist, Nachrichten im Sekundentakt rund um den Globus zu verbreiten und zu rezipieren. Es kann aber auch daran liegen, daß es die Politiker nicht mehr für nötig halten, Antworten auf drängende Fragen zu geben. Und die Menschen, die ich in den Osnabrücker Kneipen treffe, können trotz ihrer scheinbar guten Bekanntschaft mit Dr. Allwissend das dadurch entstandene Vakkuum an offenen Fragen nicht füllen. Denn ihnen entweicht meistens nur heiße Luft, die zwar manchmal recht amüsant anzuhören ist, aber nicht entscheidend zur Lösung der Probleme beitragen kann, die die Menschen auch im Jahr 2017 weiterhin stark bewegen. Doch von denen, die den Wählerauftrag haben, unsere Lebensumstände zu verbessern, kommt seit geraumer Zeit gar nichts mehr. Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich so gerne durch die Kneipen ziehe.



Ich wünsche allen HASEPOST-Lesern ein Wochenende, an dem es nichts zu mösern gibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

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